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Wien-Blog der Schick Hotels & Restaurants
 

G’schichtl über Lenny

Leonard Bernstein

Eine ganz besondere Erinnerung

Wolfgang Stöger ist ein „Ober“ der alten Schule durch und durch. Im Herbst seines Berufslebens (Originalzitat Hr. Stöger) ist er im Hotel Erzherzog Rainer gelandet. Seit 2014 arbeitet er im Restaurant Wiener Wirtschaft als stellvertretender Serviceleiter, wo er all seine Kenntnisse und Routine ausspielen darf und kann. Man kann sich vorstellen, dass Hr. Stöger viele Geschichten zu erzählen hat – aber an eine erinnert er sich besonders gern. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge, denn er hatte das Glück eine ganz besondere Bekanntschaft zu machen – vor mehr als 30 Jahren:

Es war Frühling im Jahre 1986, ich machte Dienst im Roomservice als Demi-Chef, als der Hoteldirektor auf mich zukam: „Herr Stöger, nächste Woche kommt ein sehr prominenter Gast zu uns, der nur von einem einzigen Kellner betreut werden möchte. Er wird immer am Zimmer essen, erwartet meistens Gäste und wird etwa 14 Tage bleiben. Wollen Sie das machen?“

Wolfgang Stöger, Ober mit Schmäh

Wolfgang Stöger, Ober mit Schmäh

Ich fragte, wer der Gast sei und wie er sich das vorstelle und erhielt die Antwort: „Sein Name ist Leonhard Bernstein, er dirigiert in der Oper und speist danach mit Gästen in der Suite. Sie übernehmen den Abenddienst, Frühstück wird sicher nicht vor 14.00 Uhr nachmittags bestellt.“ Ich muss gestehen, ich wusste nicht, wer Leonhard Bernstein war, und sagte aufs gerade Wohl zu.

Heute kommt Leonard Bernstein

Am Tag der Ankunft war die Suite mit angrenzenden Schlafzimmern links und rechts des Salons bereits auf das Feinste vorbereitet. Im Salon stand extra ein schwarzer Bösendorfer Flügel, eine Open Bar war aufgebaut, sowie eine Tafel für 10 Personen.
Der Manager und der persönliche Sekretär des Maestros (so sollte ich ihn ansprechen) bestellten mich im Vorfeld auf ihr Zimmer, um mich zu instruieren. Ich wollte z.B. wissen, ob Herr Bernstein Deutsch spricht, worauf er wert legt, was er gerne hat. Dies konnte mir aber niemand wirklich beantworten und ich wurde doch langsam nervös.

In der Empfangshalle versammelten sich Hoteldirektor, Empfangschef, Hausdame und Oberkellner … Ich sollte schon am Zimmer sein, um einen Ballantines 12 Years on the rocks bereitzuhalten. Und dann, endlich, wurde ich vom Hoteldirektor vorgestellt: „Maestro, das ist Herr Stöger, er wird Ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen.“ Der Maestro reichte mir die Hand, und fragte: „What‘s your first name?“ Ich antwortete: „Wolfgang, Maestro.“. „Hi, I`m Lennny“, war seine Antwort. In diesem Moment spürte ich, dass er mich wohl mag und meine Nervosität war wie weggeblasen.

Die folgenden Tage kamen immer Gäste am Abend zum Essen, heute ehemalige Bundeskanzler, Minister, Generaldirektoren, die zumindest ich damals noch nicht kannte. Die Tage verflogen, ich konnte alle an mich gestellten Aufgaben erfüllen und fühlte mich sehr wohl.

Am Tag der Abreise rief mich der Maestro zu sich: „Hi Wolfgang, the time is come to say goodbye, kann ich was für dich tun, willst du Autogramme oder Platten? What can I do for you?“ Der Maestro sprach Englisch und Deutsch in einem, war anfangs extrem schwer für mich war. Ich äußerte wirklich einen Wunsch: „I want to see you back soon“, war meine Bitte. So umarmten wir uns beide und verabschiedeten uns voneinander.

In Vienna again, eine Freude

Es dauerte fast ein halbes Jahr bis er wieder nach Wien kam und ich freute mich enorm. Alles war vorbereitet, das Empfangskomitee stand bereit … als letzter in der Reihe: ich.

Lenny stieg aus der schwarzen Limousine, gekleidet mit Jeans, einem riesigen Adler als Gürtelschnalle, Cowboy-Stiefeln, einer grünen Bomberjacke und weißem Seidenschal. Er kam schnurstracks auf mich zu, umarmte mich und sagte: „I`m verry happy to see you again, Wolfgang, how are you?“

Persönliche Widmung

Persönliche Widmung

An diesem Abend durfte ich nur mehr einen Drink für ihn bereiten, er war zu müde um Abend zu essen. Am darauffolgenden Abend jedoch, bekam ich gegen 20.00 Uhr auf mein Freeset-Telefon einen Anruf direkt aus der Wiener Staatsoper: „Der Maestro hat Durst, kommen Sie mit allem in einer halben Stunde zum Bühneneingang. Sie wissen schon womit.“ Eine Flasche Ballantines 12 Years, Gläser und ein Kübel mit Mundeis auf einem Tablett trabte ich los in Richtung Bühneneingang. Dort leitete man mich weiter in den 3. Stock bis vor eine Tür mit der Aufschrift „Bühne“. „Wolfgang? Come in.“, rief der Maestro, der im Frack am Tisch saß. Ich stellte das Tablett ab – endlich, es hat ja auch Gewicht – und bereitete den Drink, den er dankend annahm.

Nach der Vorstellung befanden sich alle Gäste bereits im Salon im Hotel, nur der Maestro nicht. Er kam im Schlafrock in den Salon und sagte zu seinen Gästen: „Thank you all for coming, may I introduce you my best friend in Vienna? This is Wolfgang, he will serve us dinner. Wolfgang what’s the menu for tonight?” Ich hatte mir etwas Spezielles überlegt, um dem Maestro zu zeigen, wie sehr ich mich um ihn bemühte: Beef Tartare, vor Ort zubereitet. Kurz dachte ich: „Beef Tartare für 10 Personen am Zimmer, vor dem Gast zubereiten. Bin ich irre?“ Ich bereitete das Mice en place, dazwischen natürliche in paar Drinks, und bald ging die erste Kostgabel durch die Runde. Etwas mehr Tabasco, Kapern … und ich durfte servieren, nur dem Maestro nicht. Er meinte: “Wolfgang, you do a great job here, can you do another special, only for me?” Ich holte eine Flasche Cognac, mischte einen kräftigen Schuss unter und hatte voll ins Schwarze getroffen. Lenny war glücklich.

Something typical wienerisch

Am nächsten Abend wollten wir dem Maestro und seinen Gästen Tafelspitz servieren. Um kurz vor 19.00 Uhr, eigentlich zu früh für das Abendessen, läutete mein Telefon: „Wolfgang, kannst du hochkommen, I want do have dinner.“ Ich war überrascht, Lenny war ganz alleine am Zimmer.

„Heute Abend sind wir allein, ich habe alle fortgeschickt, sie sollen sich mal die Stadt ansehen“, sagte er, „Tonight is leisure, I must do my exercises, but first I`m hungry, can you do something very special, typical wienerisch. Whatever you do for me, I believe you, any time.” Nun, das war eine Herausforderung! Ich überlegte … nein, das kann ich nicht machen … oder gerade doch .. warum nicht … er vertraut mir.

Ich lief zum Würstelstand gegenüber und holte eine ‚Hasse‘ mit allem was dazugehört: Senf, Pfefferoni und natürlich Schwarzbrot. Ich legte alles auf einen Teller, am Pappendeckel wollte ich nicht servieren, und fuhr damit hoch aufs Zimmer. „Maestro, your dinner is ready, but it is very, very special.” Ich nahm die Cloche ab: “Maestro, this is a special sausage, normally the people eat it at a ‘Würstelstand’. Taste it.” Der verwunderte Lenny fragte nach Besteck und ich erklärte ihm, dass es bei einem Würstelstand kein Besteck gäbe, und er solle seine Finger nehmen, was er auch tat. Auf die Frage, was die Wiener dazu trinken, holte ich eine Flasche Bier aus der Minibar. „I know Wolfgang, kein Besteck, also auch kein Glas.“ Er griff die Flasche und machte einen kräftigen Schluck daraus, als ob es das Normalste auf der Welt ist. „Wolfgang, das war das Beste und Schönste was du für mich tun konntest, I`m so überrascht, und happy, I have a ‚Hasse‘, and nobody knows.“ In diesem Moment war ich sehr, sehr stolz. Ich hatte dem Maestro wirklich eine Freude bereitet, denn er fragte: „Kann ich vielleicht einmal etwas für dich tun, ich spiele was am Flügel für dich?“ Ich traute mich zu sagen: „Operas are not my turn, aber ich habe gehört das Sie auch ein Musical komponiert haben, darf ich vielleicht ein Stück hören?“

Lenny zündete sich eine Zigarette an, ging zum Klavier und begann die West Side Story zu spielen. Es war wunderschön, ich war wie Trance, die Tränen rannen mir über die Wangen. Ich weiß nicht wie lange ich da gesessen bin, eine viertel Stunde, oder eine ganze Woche. Es war einzigartig. West Side Story, vom Komponisten selbst, und nur für mich allein.

Leonard Bernsteins Buch

Leonard Bernsteins Buch

Time to say goodbye

Am nächsten Tag musste ich mich bereits von Lenny verabschieden. Er überreichte mir Fotos mit persönlicher Widmung, ein von ihm geschriebenes Buch und außerdem ein dickes Kuvert mit den Worten: „Time to say goodbye. This is personally for you.“ Ich bedankte mich vielmals für die großartige Zeit, die ich mit ihm verbringen durfte.

Als am 15. Oktober 1990 in den Nachrichten gemeldet wurde das Leonhard Bernstein nach langer Krankheit in New York verstorben sei, war ich geschockt und unendlich traurig. Ich fuhr in den Stephansdom, um eine Kerze für meinen Freund anzuzünden. Das habe ich bis heute beibehalten. Und so habe ich jedes Jahr am 14. Oktober, sein Sterbetag, einen Termin in der Stephanskirche, in Erinnerung an die gemeinsame Zeit mit einem der größten Männer seines Faches und in Dankbarkeit, ihn kennengelernt zu haben.

 

Leonhard Bernstein (geb. am 25.08.1918 in Lawrence, Masachusetts, gest. am 14.10.1990 in New York City) war ein amerikanischer Komponist, Dirigent und Pianist ukrainisch-jüdischer Abstammung.



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